04.11.2011 - 23.12.2011

Markus Amm / Svenja Deininger / Anne Neukamp / Max Schulze
Petra Rinck Galerie, Düsseldorf

www.petrarinckgalerie.de

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Aufstand der Abstrakten
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Arne Reimann

"IN" sind Installationen; seien es stimmungsvolle Inszenierungen gemischter Arbeiten oder großräumige Arrangements aus allen Medien – zudem viel Video und Töpferwaren. Malerei hingegen ist gerade nicht en vogue. Natürlich gibt es Ausnahmen, auch im Galerie-Kontext, aber dann kommt häufig eine konzeptuelle Schwere ins Spiel, die den versprochenen Malereigedanken nicht einhält. Ein gemaltes Einzelbild mit einer Aktualität im aktuellen künstlerischen Prozess zu finden, ist selten. Besonders gilt dies für abstrakte Kunst. Liegt es vielleicht daran, dass Kandinsky, Malewitsch, Mondrian, Rothko und Co. durch „Butterfahrten-Ausstellungen“ zu bildungsbürgerlichen Wandvorlagen verkitscht wurden?

Aus diesem Blickwinkel hat die abstrakte Malerei derzeit vor allem eines: ein Problem. Viele Stilrichtungen der modernen Kunst werden heute im Laufe des historical turn wiederverwertet und fortgeführt, besonders die Collage der 1930er Jahre aufwärts. Keine andere Richtung in der Kunstgeschichte ist derart in der Gunst der Künstler abgefallen.
Dabei können die Ursprünge der Abstraktion kaum heroischer und idealistischer sein – jede Entwicklung weg vom Abbild und hin zu den stereometrischen Grundformen, zu Linien und Flächen, Form und Farbe, war ein Befreiungsschlag, nicht nur für die Malerei, sondern für die Kunst im Allgemeinen. Für die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts war Geometrie ein politisches Manifest, Revolution durch Kunst. Die Weltverbesserer in Osteuropa sahen in den dynamischen Gebilden die Utopie einer neuen Gesellschaft. Seitdem sollte die Abstraktion auch in der Kunst der westlichen Welt zur objektiven Wissenschaft erhoben werden, Transzendenzen ermöglichen oder das Erhabene entfesseln. Doch die revolutionäre Geste ist abgenutzt, Abstraktion allzu oft zu Dekorationszwecken degradiert.

Doch dagegen regt sich Widerstand: Eine Ausstellung ohne programmatischen Titel bei Petra Rinck in Düsseldorf. Grauer Boden, weiße Wände, vier malerische Positionen, Bilder ohne Titel. Die vier eingeladenen Künstler in der Ausstellung eint die Abstraktion, wie auch die kritische Haltung dem Motiv als solches gegenüber. „Ich habe nach neuen Schnittstellen zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit gesucht, die in die Zukunft weisen und dabei eine gewisse Bandbreite aufzeigen. Im Prinzip bin ich auch von etwas ausgegangen das Spannung und Neugier in mir erzeugt und im Zusammenspiel interessante Querverbindungen ergibt“, so die Galeristin.
Etwa in den Werken von Anne Neukamp. Auf grauem Hintergrund scheint ein schmutzig weißer Ausschnitt zu liegen, der Schattenwurf links suggeriert ein Vor-der-Leinwand. Der gemalte Rahmen fasst das schief-ovale Versatzstück, auf dem diagonale, dynamische schwarze Linien sowie horizontal verwaschene Pinselspuren zu sehen sind. Dieser, wie mit der Schere aus einem Kontext gerissene Ausschnitt, drängt nach einer bildlichen Auflösung. Die in Düsseldorf geborene (*1976), an der Hochschule für Bildende Kunst Dresden ausgebildete Künstlerin verwendet Vorlagen aus dem überquellenden Fundus unserer Konsum- und Kommunikationsgesellschaft, Firmen- und Markenlogos, gezeichnete, wie gedruckte Medien. Die Striche, sehen wie gemalte Zeichnung aus, vielleicht eine regennasse Fensterscheibe, oder die vorbeirasende Straße in einem Comic-Strip. In einer verwaschen wirkenden Zeichnung liegt der leicht geöffnete Mund liegt auf der hinteren Ebene, collageartig davor eine gebogene Form mit Farbverlauf. Das Fragment eines Aufklebers, Piktogramms oder Maskottchens wirkt verwittert, wie eine alte handgefertigte Reklame aus den 1960er Jahren an einer alten Hauswand. Die vorgeschobene Form bricht mit der Patina und ermöglicht so den abstrahierten Zugriff auf die dahinter liegende Form. Die gezeichnete Geschichte, das alleinstehende Piktogramm, beide Ausdrucksformen liefern eine bereits gefilterte Sicht auf die Alltagswirklichkeit. Sie sind keine direkte Vorlage, sondern als verselbständigter erinnerter Atlas im Kopf zu verstehen. Ähnliches gilt für die minimalistischen Formen der Avantgarde.

Links von der Leinwand ein Werk von Max Schulze. Auf weißem Grund sind über die gesamte Fläche schwarze, graue und gelbe Farbtopfen und -schlieren verteilt. In der horizontalen Mitte des Bildes erzeugen wuchtig aufgeschlagene Spritzer so etwas wie einen Horizont. Gegenläufige Bänder von gelben Auftropfungen und schwarzen Klecksen durchziehen den Bildraum. Auf deren Überschneidung bricht die Oberfläche des Malgrundes im wahrsten Sinne auf. Löcher in der Hartfaserplatte geben den Blick auf die dahinter liegende, grundierte Leinwand, auf die der Schatten des Durchbruchs in einem bestimmten Einfallswinkel gemalt ist. Ausgangspunkt der Malerei Schulzes (*1977 in Herdecke), der in Düsseldorf bei Jörg Immendorf studierte, bildet die jahrelange Auseinandersetzung mit der Comickultur der vergangenen 50 Jahre. Die Sequenzialität des Mediums ist dabei für ihn nicht von Interesse, sondern vielmehr die Erfindungen innerhalb der Einzelbilder. Das historische Material wird aber nicht als direkte Vorlage genutzt, es hat sich vielmehr verselbstständigt. Die Mischung aus Comic und dem prozessorientierten, gestischen Informell lässt sonderbar aktuelle Bilder entstehen. Eine wiederverwendete Holzplatte ist Ausgangspunkt seines Werkes, die er weiter bearbeitet. Die Löcher in der Oberfläche zeichnet der Künstler nach, erhebt sie zum Bildmittel. Die Konturen des Ausbruches finden sich in den nachgezogenen schwarzen Flecken des diagonalen Bandes wieder, ebenso sind einige gelbe Topfen nachgezeichnet und eingefasst. So differenzieren sich die Elemente auf der Oberfläche des Bildes und behauten sich als dreidimensionale Objekte auf unterschiedlichen Schichten und Bilddualitäten.

Auf dem Fotogramm von Markus Amm tauchen zwei vertikale, amorph umfasste Balken, beide über die Mitte des Blattes hinaus, von oben und unten ragend, aus der schwarzen Hintergrundfolie auf. Um den Rand laufen blasenartige Strukturen. Rechte und linke Hälfte des Fotopapiers wölben sich leicht hervor, so als ob das Papier in der Mitte einen Knick hat. In der anderen Arbeit verlaufen schmale Streifen leicht diagonal durch das insgesamt wolkigere Dunkel. Mit einfachsten Mitteln, ohne ein direktes fotografisches Objekt, gelingt es Amm (*1969 in Stuttgart), Tiefe und Objekthaftigkeit zu suggerieren. Ebenso auf der gegenüber liegenden Wand: Optische Meisterleistungen im sparsamen Einsatz der Mittel. Die gerahmte Papierarbeit scheint leer zu sein, doch finden sich bei genauerer Betrachtung feinste geometrische Spuren. Eine zarte Bleistiftzeichnung zieht horizontal und vertikal die Umrisse von Klebebändern nach. Klebestreifen werden als Hilfsmittel in der Malerei zur scharfen Abgrenzung von Farbflächen verwendet. Hier werden sie selber zum versteckten Motiv. Der stoffliche Träger wird so zum Gegenstand der optischen Analyse.

In den kleinformatigen Leinwänden von Svenja Deininger setzt sich das Interesse an den Konstruktivisten und Positionen der Avantgarde, die bei Markus Amm spürbar ist, in der minimalistischen Formensprache fort. Die in Wien lebende Künstlerin (*1974, studierte in Düsseldorf) verwendet unterschiedliche Grundierungen, Farbqualitäten und malerische Mittel, die den Leinwandarbeiten eine nahezu esoterische Anmutung verleihen. Im vorderen Teil der Galerie hängen zwei größere Arbeiten, eine mit einer leuchtend blauen Dreieckskonstruktion vor einem leicht gefärbten Kreiselement auf weißem Grund und eine vertikal gestaffelte Arbeit. Im hinteren Raum ist eine Serie von fünf Arbeiten arrangiert, die das Formen- und Ausdrucksvokabular der Künstlerin definieren. Die klar abgegrenzten Flächen, mal glänzend, mal gedeckt, direkt, auf grundierter, oder gar gespachtelter Leinwand, vollflächig oder malerisch gestalteter Ausmalung, verleihen den Gemälden eine spannungsreiche Tiefe.

Was kann abstrakte Malerei heute? Zwei Künstler der Ausstellung verwenden die Formensprache des Comics oder auch piktografische Ausgangspunkte, um eine Idee vom abstrakten Bild zu vermitteln, das nicht aus der konzeptuellen Esoterik der Farbfeldmalerei kommt, sondern aus der Beschäftigung mit der Figuration. Die rezipierte Formensprache der Konstruktivisten und des Minimalismus bilden, wie die Materialität des Bildes, eine gemeinsame Schaffensgrundlage der präsentierten Künstler. Aber es geht weit darüber hinaus: Stilrichtungen, ebenso wie das visuelle Gedächtnis einer vernetzten und globalisierten Wissensgesellschaft, sind Filter vor denen die Werke ihren Reiz entwickeln. Die gezeigten malerischen Positionen lassen sich mit der Freude am Disparaten umschreiben. Denn das, was sichtbar ist auf den Gemälden, ist aus gebrochenen, sich widersprechenden, scheinbar sich ausschließenden Versatzstücken geschichtet. Triebfeder des Seh-Aktes ist allerdings die Prozessualität, die die Werke ihre Spannung halten lässt. Die Ausstellung „sitzt“, der Mehrwert der Bilder erschließt sich durch die Hängung. Der Anspruch, Positionen abstrakte Malerei, aus einer figurativ materiellen Denkweise heraus zu zeigen, wird eingelöst: ein frischer Blick auf die abstrakte Bilderproduktion von unverbrauchten Talenten.

www.artblogcologne.com

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Installationsansicht Fotos: Achim Kukulies