26.01.2013 - 14.04.2013

A World of Wild Doubt
Kunstverein Hamburg

Anarchiks, Martin Assig, Thomas Bechinger, Tim Boxell, G. K. Chesterton, Robert Crumb, Kim Deitch, Jeremy Deller, Friedrich Einhoff, Will Elder, James Ensor, Tessa Farmer, Andreas Fischer, Jim Franklin, Gilbert & George, Rodney Graham, Bill Griffith, Rainer Hachfeld, Rand Holmes, Heino Jaeger, Horst Janssen, Mike Kelley, Hubert Kiecol, Jay Kinney, Denis Kitchen, Joachim Koester, Christof Kohlhöfer, David Lloyd, Mark Lombardi, Bobby London, Paul Mavrides, Cildo Meireles, Olaf Metzel, Norman Mingo, Wilhelm Mundt, Bruce Nauman, Tony Oursler, Sigmar Polke, Antonio Prohías, Matthias Recht, Marten Schech, Gregor Schneider, Max Schulze, Andreas Slominski, Rolf Stieger, Suzanne Treister, Félix Vallotton, Lawrence Weiner, Stephen Willats, Louis Zansky

www.kunstverein.de

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Bilder: Max Schulze & Licht
Fahnen: Mike Kelley
Banane: Andreas Slominski
Gitter & Wände: Marten Schech
Zeichnung: Mark Lombardi

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Text zu World of Wild Doubt
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Dorothee Böhm

No Loitering ist eine Installation mit Bildern. Max Schulzes Malerei ist auf den ersten Blick abstrakt, aber er schreibt ihr verschiedene Codes hoch- und subkultureller Milieus ein. So speist sich die Formensprache seiner Kunst aus dem Comic ebenso wie aus dem Informel – zwei unvereinbar scheinenden Gattungen. Die signalhafte Farbigkeit der Bilder, hier vor allem gelb-schwarz, verweist auf die Idealvorstellung von einer Welt, in der eine ebenso strikte wie einfache Reglementierung durch Warnschilder und Barrieren die Ordnung aufrecht erhält und mit der Macht von Piktogrammen und Zeichen Störfälle durch Gift, Explosionen, Strahlung, elektrische Spannung oder Verbrechen verhindert werden können. Doch in Schulzes Gemälden ist es für eine Warnung schon zu spät. Seine Bildwelt ist längst aus den Fugen geraten. Die Oberflächen wurden angegriffen, durchstoßen, zerstört und durch die Risse fallen (akribisch gemalte) Schatten auf eine weitere Ebene dahinter. Als Bildträger dienen dem Künstler neben der klassischen Leinwand Werkstoffe aus dem Baumarkt, wie Hartfaser oder Malervlies. Auch Platten und Stoffe, mit denen der Atelierboden abgeklebt wurde, können einschließlich der ihnen anhaftenden Farbflecken und Materialreste zum Malgrund werden. Schichtung, Durchdringung und Verletzung dieser Komponenten setzen den malerischen Prozess in Gang. Unter Verwendung von Putz-Brocken, Staubflusen oder Holzspänen, die der Künstler teils ins Bild integriert oder auf den Malgrund projiziert und von Hand überträgt, entstehen Werke im Spannungsfeld von Aleatorik und Komposition. Indem Schulze ihre Konturen comichaft überzeichnet werden zufällige Spuren betont oder spontan intuitive Gesten kommentiert. Oder der Künstler schleust Aufkleber von gefaketen Einschusslöchern in seine Malerei ein. Diese vermeintlich vorsprachlichen und vorbildlichen Zeichen entwickeln eine impulsive Dynamik und bringen die Bilder zur Explosion.

Müssen die Gemälde deshalb hinter Gitter? Max Schulze hat sich gern auf den Dialog mit Marten Schechs architektonischer Installation eingelassen, denn seit geraumer Zeit geht er in eigenen Arbeiten der Frage nach dem Verhältnis von Bild und Raum nach. Dabei steht nicht die künstlerische Besetzung, sondern eine Reflexion gesellschaftlicher Orte im Vordergrund. Diese Interessen zogen Schulze auch für mehrere Monate nach Detroit, dem Prototyp der sogenannten Shrinking Cities, wo nach dem Niedergang der Autoindustrie in weiten Teilen die gesellschaftliche Ordnung zusammenbrach. Es kam zu Gewaltexzessen, zugleich wurde der urbane Raum aber auch zur Tabula rasa für innovative künstlerische Experimente und zur Erprobung alternativer gemeinschaftsorientierter Lebensformen. Die Fotoedition Demolish This Structure versammelt groteske, absurde, subversive und komische Spuren, Zeichen, Schilder und Grafitti dieses (post-)anarchistischen Gesellschaftsexperiments. Max Schulze ermächtigt Fehler und Störungen zu radikalen Akteuren seiner Bildwelten.

 

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Pressetext:

Ausgangspunkt der Ausstellung ist der Roman Der Mann der Donnerstag war des englischen Schriftstellers G. K. Chesterton aus dem Jahr 1908. In der mysteriösen Kriminalgeschichte über einen siebenköpfigen Anarchistenrat, der in Wahrheit aus Spitzeln der Londoner Geheimpolizei besteht, wird die Angst vor einer Welt im permanenten Ausnahmezustand beschrieben. Die Gefahr geht von Künstlern und Intellektuellen aus. Der Text spinnt ein verwirrendes Netz aus Überwachung und Furcht, nimmt metaphysische Wendungen und mündet in heillosem Chaos. Verhandelt wird nichts geringeres als die Frage, was echte Anarchie ausmacht. Sind die ordnungsliebenden Polizisten die wahren Anarchisten? Basiert das Gesetz zwangsläufig auf dem Akt seiner Überschreitung?

"A World of Wild Doubt" ist keine Ausstellung über als vielmehr ein kuratorisches Experiment mit dem Mann, der Donnerstag war. Es geht nicht um Textexegese, sondern die Besucher werden auf eine assoziative Reise mit historischen und aktuellen Bezügen voller diffuser Stimmungen und bedrohlich-grotesker Situationen geschickt. Zu diesem Zweck bauen und gestalten KünstlerInnen Räume, die sich kritisch mit szenografischer Architektur auseinandersetzen. Die von Unbehagen bis hin zu Paranoia gesättigten Atmosphären des Romans finden vielfältige Resonanzen in der Gegenwart. In Zeiten, in denen der deutsche Verfassungsschutz Attentate von Neonazis ermöglicht oder kriminelle Bankster die globalen Finanzmärkte ausplündern, ist politisch-philosophische Uneindeutigkeit, wie sie Chesterton in ihren Ursachen und Konsequenzen ausmalt, ebenso aktuell wie die Frage, ob ein System von innen heraus erneuert werden kann oder durch einen kommenden Aufstand gesprengt werden muss.

So verbindet die Ausstellung die Skepsis der klassischen Moderne gegenüber absoluter Freiheit mit der gegenwärtigen zwischen Überwachung und Paranoia oszillierenden Stimmung sowie der Kritik an der Vorherrschaft neoliberaler und plutokratischer Gesellschaftsmodelle. Doch ist Der Mann der Donnerstag war auch eine Verteidigung des Unsinns. Und diese Sinnverweigerung nimmt der Roman sehr ernst, denn der Untertitel lautet: Eine Nachtmahr. Dem pessimistischen, anti-modernen Tenor werden die befreienden Kräfte künstlerischer Praktiken entgegengesetzt, die neue Perspektiven schaffen, ohne in Eskapismus zu verfallen. Mit britischem Humor befragen Buch wie Ausstellung bürgerliche Ängste vor revolutionären Aufständen und die Macht des von (anarchistischen) Polizisten geschützten Gesetzes.

Die beteiligten KünstlerInnen nehmen diese Bezüge auf und spinnen sie weiter. Einige der Arbeiten entstehen eigens für "A World of Wild Doubt", andere Positionen bestätigen die schlimmsten Vorahnungen oder formulieren Alternativen. Zusätzlich versammelt ein "Wonderwall" diverse Materialien wie frühe anarchistische Pamphlete, Punkplatten, Bücher, Comics, Grafiken und Ephemera.

Allen BesucherInnen wird die deutsche Version des Romans ausgehändigt; im März 2013 erscheint der Katalog bei Sternberg Press. Die Ausstellung möchte Impulse geben, flankiert von Vorträgen und Gesprächen alternative Strategien zu entwickeln und zu diskutieren, wie den gegenwärtigen Krisen anders als mit Resignation begegnet werden kann.


Im September 2011 fand im Kunstverein Hamburg eine Charity-Auktion zu Gunsten des Kunstvereins statt. Neben zahlreichen Arbeiten von KünstlerInnen, die in der Vergangenheit bereits einmal im Kunstverein ausgestellt hatten, wurde auch eine Ausstellung im Kunstverein verlost. Dieses Los wurde von Michael Liebelt ersteigert, der nun, zusammen mit Dorothee Böhm, Petra Lange-Berndt und Dietmar Rübel diese Ausstellung im Erdgeschossraum des Kunstvereins kuratiert.

 

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Pressrelease:

The starting point of this exhibition is the novel The Man Who Was Thursday by British poet G. K. Chesterton from 1908. This mysterious crime story about a seven-headed anarchist council, which actually consists of spies from the London secret police, addresses a world in a permanent state of emergency. Yet in the end, the real danger emanates from artists and intellectuals. The text weaves an unsettling web out of surveillance and anxieties, takes unexpected metaphysical turns and ends in utter chaos. Nothing less than the question of what constitutes genuine anarchy is negotiated. Are the policemen who defend law and order the real anarchists? Is the law necessarily based on the act of its transgression?

However, "A World of Wild Doubt" is not so much an exhibition about The Man Who Was Thursday as it is a curatorial experiment with the novel. We are not interested in a scholarly interpretation; instead, visitors embark on a journey full of associations, historical and contemporary references, ambiguous moods as well as grotesque situations. For this purpose two artists build and design spaces that deal critically with scenographical architecture. The atmospheres conjured up in the book, ranging from discomfort to paranoia, resonate in many ways with the present. In a time when the German intelligence service enables assassinations by neo-Nazis, or criminal banksters loot globalised financial markets, political-philosophical ambiguity, as described by Chesterton with its causes and consequences, is as red-hot as the question of whether a system can be reformed from within or has to be detonated by a coming insurrection. Thus, "A World of Wild Doubt" fuses the scepticism of classical modernity towards absolute freedom with contemporary attitudes. Additionally, the show formulates a criticism of the dominance of neoliberal and plutocratic models of society. But The Man Who Was Thursday is also a defence of nonsense. And this denial of logic is taken very seriously, considering that the novel’s subtitle reads: A Nightmare. This pessimistic, anti-modernist tenor is countered by the liberating forces of artistic practices without being escapist. Bourgeois anxieties of revolts and the power of law guarded by (anarchist) policemen are questioned with British humour.

All of these areas are reflected upon and developed further by the participating artists. Some works are made especially for "A World of Wild Doubt"; other positions confirm the worst forebodings or formulate alternatives. Additionally, the so-called Wonderwall assembles diverse materials such as early anarchist pamphlets, punk records, books, comics, printed graphic works, and ephemera.

Visitors will receive a reprint of the German version of the novel; in March 2013 a catalogue will be published by Sternberg Press. The exhibition, together with accompanying talks and events, will provide impetus to develop alternative strategies and to discuss how the current crises can be faced, other than with resignation.

In September 2011 the Kunstverein Hamburg hosted a charity auction for the benefit of the institution. In addition to many works by artists who had exhibited at this venue in the past, a carte blanche for an exhibition was also raffled. This lot was aquired by Michael Liebelt, who, together with Dorothee Böhm, Petra Lange-Berndt and Dietmar Rübel, is curating "A World of Wild Doubt" in the ground floor space of the Kunstverein.

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